Zu laut, zu schnell, zu gefährlich

Abtsgmünd beteiligt sich an Initiative gegen Motorradlärm
  • 30 Kommunen nehmen an der Initiative teil. Foto: tom

Warum Abtsgmünd bei der landesweiten Initiative gegen den Lärm mitmacht und was das Bündnis der 30 Kommunen vor hat.


Ostalbkreis.
Besonders schlimm ist es am Sonntag. Besonders gefährlich und besonders laut. Gruppen von Motorradfahrern „gönnen“ sich die B 19 im Kochertal. Viele gefährden sich und andere, sind eine Belastung für die Menschen, die hier leben. In Abtsgmünd, in Wöllstein, in Fach, in Algishofen, in Untergröningen. Manche Landwirte trauen sich mit ihren Ladewagen am Wochenende gar nicht mehr, Futter zu holen – erzählen sie im Ortschaftsrat, im Gemeinderat – keiner will mit einem der zu schnellen Biker zusammenstoßen.

Angst vor Unfällen am Sonntag

Dass diese Angst vor den Sonntagsunfällen nicht unbegründet ist, zeigt die Bilanz der letzten Jahre: Im August 2017 zum Beispiel verliert ein 32-Jähriger in einer Rechtskurve zwischen Abtsgmünd und Wöllstein die Kontrolle über sein Motorrad und muss schwerstverletzt mit dem Hubschrauber in die Klinik geflogen werden; oder im Juli 2019, als ein 22-jähriger Biker mit seinen Freunden auf Tour ist und im selben Streckenabschnitt wegen nicht angepasster Geschwindigkeit stürzt und sich schwer verletzt. Allein 30 Unfälle mit Motorrädern sind in der Polizeistatistik der letzten fünf Jahre auf der B 19 im Kochertal dokumentiert, sagt Polizeisprecher Bernd Märkle. Zwei davon endeten tödlich, bei 13 mussten insgesamt 15 Motorradfahrer schwer verletzt geborgen werden, bei ebenfalls 13 Unfällen sind 15 leicht verletzte Personen dokumentiert.

Kurvige Strecke

„Die kurvige Strecke verführt zum Schnellfahren“, weiß Bürgermeister Armin Kiemel. Doch ist das nicht das einzige Problem auf der B 19 im idyllischen Tal. Belastender für noch viel mehr Menschen ist der Lärm, den die Biker verursachen, die die Bundesstraße mit dem Hockenheimring „verwechseln“. Oder zum Beispiel auch, wie Bürgermeister Armin Kiemel kopfschüttelnd erzählt, die wenigen 100 Meter zwischen dem Ortsschild in der Altschmiede und dem Kreisverkehr an den Einkaufszentren in der Osteren PS-stark bis zum Äußersten beschleunigen. Ohne Rücksicht auf die Anwohner, die den Krach dann in der vollen Dröhnung abbekommen.

Cruiser willkommen, Raser unerwünscht

„Für mich ist das keine Frage: Die Motorradfahrer, die das wunderschöne Tal genießen, die es friedlich cruisend mit angepasster Geschwindigkeit erleben wollen, sind herzlich willkommen“, betont der Bürgermeister ausdrücklich. Gegen die anderen aber, gegen die, die Krach machen und mit ihrer Raserei sich und andere in Gefahr bringen, müsse etwas unternommen werden.

Ein wichtiger Schritt ist für die Gemeinde deshalb der Beitritt zur landesweiten Initiative gegen Motorradlärm. 30 gleichbetroffene Kommunen haben sich hier zusammengeschlossen mit dem Ziel, das weit verbreitete Problem Motorradlärm in der Öffentlichkeit bewusst zu machen und für Abhilfe zu sorgen. „Wir wissen, dass wir ein ganz dickes Brett bohren, denn die Gesetzgebungskompetenz liegt beim Bund und bei der EU“, sagt Armin Kiemel. Gerade deshalb sei konsequente Präsenz wichtig. Gute Ideen gebe es durchaus. Das sind die Ansatzmöglichkeiten aus Sicht der Initiative:

Leisere Motorräder – das sei in erster Linie ein Auftrag an die Hersteller, erklärt Kiemel. Diese könnten für Biker, denen der satte Sound wichtig ist, ja zum Beispiel Lautsprecher im Helm installieren, sodass nur der Kradlenker den Lärm hört. Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo die der anderen eingeschränkt wird“, unterstreicht er.

Eine ambitionierte Novellierung der Genehmigungs- und Zulassungsregelungen. „Viele der lauten Auspuffanlagen sind regulär“, wundert sich Kiemel, dass die Lärmbelastung so wenig um Fokus ist.

Drastischere Strafen für Manipulationen – „es ist nicht cool, wenn über versteckte Knöpfe und Schalter die Lärmdämmung am Auspuff „entfernt“ wird“, findet der Abtsgmünder Bürgermeister.

Neue Messverfahren für eine Zulassung. Es könne nicht sein, dass Lärmwerte bei geringer Drehzahl genommen werden, findet Kiemel. Interessant sei auch der Sound bei maximaler Beschleunigung und schnellem Tempo.

Geräuschmessungen und definierte Geräuschgrenzwerte könnten die Arbeit der Polizei erleichtern, nennt Kiemel weitere Einwirkungsmöglichkeiten.

Frontkennzeichen für Motorräder gehen in dieselbe Richtung. Es sei ohnehin kaum möglich, den Fahrer zu identifizieren, wenn dieser obendrein einen Helm mit dunklem Visier benutzt. Deshalb sei zumindest bei Zweirädern eine allgemeine Halterhaftung wünschenswert, findet Armin Kiemel. Andere Länder, wie etwa Frankreich, praktizierten das längst.

Präventionsmaßnahme

Letztlich, unterstreicht Bürgermeister Kiemel, sei dieser Maßnahmenkatalog eine Art Prävention. Denn am Ende könnte die Unvernunft einiger weniger dazu führen, dass wie zum Beispiel in der Schweiz, reizvollen Strecken wie das Kochertal für alle Motorradfahrer gesperrt werden müssen.sp

© Gmünder Anzeiger 14.08.2019 10:15
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