Zukunftsangst bei Landwirten

Aktion „Rettet die Bienen“ besorgt die Bauern in der Region
  • Hubert Kucher, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Aalen-Heidenheim. Foto: Oliver Giers

Der Gesetzentwurf der Initiative „Rettet die Bienen“ gefährdet die Landwirtschaft, sagt Kreisbauernverbandschef Hubert Kucher.

Ostalbkreis. Das landesweite Bürgerbegehren „Rettet die Bienen“ hat begonnen, in den Rathäusern und Landratsämtern liegen die Unterschriftenlisten aus. Hubert Kucher, der Vorsitzende des Bauernverbands Aalen-Heidenheim, fürchtet um die Zukunft der bäuerlichen Landwirtschaft, wenn der vorgelegte Gesetzentwurf tatsächlich so umgesetzt wird. Im Interview erklärt er, warum die Initiative nicht eins zu eins von Bayern auf Baden-Württemberg zu übertragen ist.

Herr Kucher, „Rettet die Bienen“ hat in Bayern eine riesige Resonanz gefunden und letztlich sogar dazu geführt, dass die CSU heute eine völlig andere Politik macht. Was wird wohl in Baden-Württemberg passieren?

Hubert Kucher: In Bayern hat sich der Bauernverband massiv gegen die Initiative gewehrt. Auch in Baden-Württemberg sind wir dagegen. Aber wir haben gelernt, dass man trotzdem ruhig bleiben sollte. Wir werden mit Fakten dagegen halten. In der Landesregierung ist man jedenfalls auch nicht begeistert. Ich gehe davon aus, dass sie letztlich einen gemäßigten Gegenentwurf vorlegen wird.

Was ist denn an dem Gesetzentwurf der Initiative auszusetzen?

Dass er den Anschein erweckt, als würde bislang noch nichts für Arten- und Naturschutz unternommen. Tatsächlich haben wir hier in Baden-Württemberg schon seit vielen Jahren eine ökologisch orientierte Agrarpolitik. Wir haben seit Jahren schon das Grünlandumbruchverbot, wir haben viele FFH-Gebiete mit reduzierter Bewirtschaftung, wir halten Abstand zum Gewässerrand, wir legen Blühstreifen auf den Äckern an. Die anvisierten Einschränkungen beim Pflanzenschutz wären für uns schlimm, aber noch mehr für Biolandwirte, Obstbauern und Winzer.

Bis 2035 sollen 50 Prozent der Flächen im Land biologisch bewirtschaftet werden, geht das?

Ich halte das für vollkommen unrealistisch und bezweifle, dass sich Ökolandbau einfach so von oben verordnen lässt. Wohin mit den Produkten, wenn sie der Verbraucher nicht kaufen will? Außerdem brauchen wir dafür auch die Strukturen in der Verarbeitung. Wenn ich heute meinen Milchviehbetrieb auf Bio umstelle, muss ich erst mal eine Molkerei finden, die ich beliefern darf. Im Moment ist zu viel Biomilch da.

Warum verkämpft sich der Bauernverband so für das Glyphosat?

Weil Glyphosat so wie wir es einsetzen, nicht bedenklich ist. Und weil der Pflanzenbau ein Mittel gegen problematische Unkräuter braucht. Wenn wir die nicht bekämpfen dürfen, brechen die Erträge ein. Ein Verbot von Pflanzenschutzmitteln würde bewirken, dass das Getreide eben im Ausland wächst, dort wo es keine diesbezüglichen Auflagen gibt. In den USA und Kanada wird Glyphosat nicht nur vor der Aussaat gegen Unkräuter gespritzt wie bei uns. Dort wird kurz vor der Ernte gespritzt, damit das Getreide schnell und gleichmäßig abreift. Wer jetzt unsere Landwirtschaft verteufelt, wird später solches Getreide kaufen müssen.

Was wollen Sie mit den grünen Kreuzen erreichen?

Diese Kreuze drücken die momentane Stimmung unter den Landwirten aus und richten sich nicht nur gegen das Bürgerbegehren, sondern gegen die derzeitige Agrarpolitik. Die immer stärkeren Einschränkungen in Tierhaltung und Pflanzenbau gegen jede fachliche Praxis führt dazu, dass zuallererst kleinere Familienbetriebe aufhören. Der Wandel zu immer größeren Höfen wird weiter beschleunigt. Man erreicht das Gegenteil von dem, was man eigentlich möchte.

Warum können sich die kleinen Betriebe nicht anpassen und die größeren schon?

Ganz einfach, weil für die Kleinen die nötigen Investitionen nicht mehr zu stemmen sind. Ein Beispiel: Allein die neue Düngeverordnung zwingt mir bis 2025 Investitionen von 150.000 Euro auf, für größere Düngelager und neue Ausbringtechnik. Wie soll ich das finanzieren? Preise für Milch und Fleisch stagnieren seit Jahren. Und wer gibt mir die Garantie, dass ich ein paar Jahre später nicht schon wieder investieren muss, weil wieder neue Regelungen gelten?

Warum fällt es der Landwirtschaft so schwer, die Bürger davon zu überzeugen, dass die aktuelle Wirtschaftsweise richtig ist?

Wir haben das Problem, dass nur noch ein kleiner Teil der Bevölkerung über landwirtschaftliche Grundkenntnisse verfügt. Wer auf dem Land lebt, mag ja vielleicht noch Kontakt zum Bauernhof in der Nachbarschaft pflegen. Immer mehr Deutsche leben jedoch in der Stadt. Hinzu kommt, dass die Menschen mit einer wachsenden Zukunftsangst kämpfen. In dem Zustand unterschreiben sie schnell, wenn jemand kommt und behauptet, er habe die Lösung für alle Probleme.

Glauben Sie, dass der Rückgang der Fluginsekten an der Landwirtschaft liegt?

Ich bin kein Wissenschaftler und kann deshalb nicht über Studien und Untersuchungen von Fachleuten urteilen. Ich sehe aber, dass unsere gesamte Gesellschaft die Umwelt strapaziert. Das Bürgerbegehren richtet sich jedoch weder gegen Steinhaufen im Vorgarten, noch gegen unnötige Autofahrten, Urlaubsflüge, Landverbrauch durch Straßenbau und neue Wohn- und Gewerbegebiete, Haushaltschemikalien oder Medikamente, die im Abwasser landen. Einzige Zielrichtung ist die Landwirtschaft und das hat mit Wissenschaft nichts zu tun.

sp/gt

© Gmünder Anzeiger 08.10.2019 15:39
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