Wenn das Wild ins Auto kracht

Kollision mit Reh & Co. – Wie man sich richtig verhält
  • Grafik: ca/vb

Im Herbst häufen sich Wildunfälle. Wie sich Autofahrer richtig verhalten und was zu tun ist, wenn der Zusammenstoß mit Tieren unvermeidbar war.


Im Herbst, insbesondere im Oktober, häufen sich statistisch gesehen die Wildunfälle besonders stark. Auch auf der Ostalb kam es zu zahlreiche Wildunfällen, vor allem im Bereich des Virngrunds.

Alle zweieinhalb Minuten ereignet sich im Schnitt in Deutschland ein Wildunfall. Besonders häufig, wenn die Tage kürzer werden und die Zeit umgestellt wird. Dann fällt auch der Berufsverkehr zunehmend in die Dämmerung oder frühen Abendstunden. Hinzu kommen noch Herbstlaub, widrige Straßenverhältnisse und noch nicht angepasste Bereifung.

Wie reagiere ich am besten? Auch wenn es Überwindung kostet: Als Autofahrer generell nicht ausweichen, rät Kreisjägermeister Michael Ott-Stopar. „Das eigene Leben und das anderer Verkehrsteilnehmer geht vor.“ Eine Vielzahl schwerer Unfälle ereignet sich, weil der Fahrer im Reflex das Steuer herumreißt, um eine Kollision zu vermeiden. Bei diesen Manövern gerät das Fahrzeug über den physikalischen Grenzbereich hinaus, ein unkontrolliertes Schleudern in den Gegenverkehr, den Straßengraben oder gegen einen Baum ist meist die Folge. Die Kollision ist hingegen das kleinere Übel: Heutige Fahrgastzellen sind so konstruiert, dass die Insassen in Kombination mit Airbags, Gurtstraffern und Notbremsassistenten trotz Kollision mit Wild in der Regel mit dem Schrecken davonkommen. Lediglich Motorradfahrern wird geraten, bei entsprechender Beherrschung des Zweirads den Weg am Hindernis vorbei zu suchen.

In jedem Fall hilft: Fernlicht herausnehmen. Das Wild wird durch Fernlicht geblendet und verharrt somit regungslos auf der Fahrbahn. Je nach Situation sollte der Fahrer die Geschwindigkeit reduzieren, gegebenenfalls eine Notbremsung einleiten. „Unbedingt aber dabei auch den rückwärtigen Verkehr bedenken“, mahnt Ott-Stopar.

Was mache ich nach einer Kollision? Sichern Sie die Unfallstelle mit dem Warnblinker und Warndreieck und informieren Sie die Polizei. Kennen Sie den zuständigen Jagdpächter, können Sie diesen auch direkt verständigen. Falls das Tier nur verletzt ist, fassen Sie es am besten nicht an. „Als Laie dürfen Sie keine Tötung vornehmen. Ein Wildschwein kann zudem aggressiv werden“, warnt der Kreisjägermeister. Flüchtet das Tier in den Wald, merken Sie sich die Stelle und markieren Sie den Fluchtweg des Tieres für den Jäger, beispielsweise mit einem großen Ast im Straßengraben. Wurde das Tier bei der Kollision getötet, sollten Sie es am besten an den Straßenrand schaffen, nicht liegen lassen. Das verhindert weitere Unfälle. Auf keinen Fall dürfen Sie das Wild aber mitnehmen, ergänzt Ott-Stopar. „Das wäre Wilderei.“

Wer übernimmt den Schaden? Wenn Sie den Unfall bei der Polizei oder dem zuständigen Jagdpächter gemeldet haben, lassen Sie sich eine Bescheinigung über den Wildunfall ausstellen. „Das ist wichtig für Ihre Schadensregulierung mit der Versicherung“, betont Hans Klein von der Sparkassenversicherung. Die Schäden durch Wildunfälle übernimmt die Teilkasko. Achten Sie jedoch auf das Kleingedruckte: Oft gilt die Versicherung nur für jagdbares „Haarwild“ oder Schalenwild, es sei denn, Ihre Versicherung deckt generell Tierschäden ab. „Hier unterscheiden sich die Versicherer“, so Klein. Sind Sie einer Kollision ausgewichen, greift die Teilkasko jedoch nicht mehr. Nur die Vollkasko, falls vorhanden, kommt dann für die entstandene Schäden am Auto auf. Unfälle mit Haus- und Nutztieren sind ein Fall für die Haftpflicht des Eigentümers, sofern ermittelbar.

Wie vermeide ich Wildunfälle? Besser ist es auf jeden Fall, umsichtig zu agieren und Gefahrensituationen gar nicht erst entstehen zu lassen. „Passen Sie Ihre Geschwindigkeit an, seien Sie wachsam und entwickeln Sie ein Gespür für gefährdete Bereiche“, ergänzt Ott-Stopar. Wald, offenes Feld und insbesondere die Übergangszonen sind Bereiche, in denen Sie mit Wildwechsel rechnen müssen. Wenn sogar entsprechende Wildwechsel-Warnschilder am Straßenrand aufgestellt sind, fahren Sie unbedingt defensiv. Schon Tempo 70 oder 80 kann den entscheidenden Unterschied ausmachen, ob Sie noch vor dem Tier zum Stehen kommen. Falls vor Ihnen bereits ein Tier die Fahrbahn gekreuzt hat, fahren Sie nur langsam weiter. Oft folgen unmittelbar weitere Tiere. „Gerade im Herbst sammeln sich die Tiere in Gruppen,“ weiß Ott-Stopar.

Assistenzsysteme: Moderne Fahrzeuge bieten mit Hilfe eines Nachtsichtassistenten beeindruckende Bilder. Dabei wird je nach Technik über Infrarotlicht oder eine Wärmebildkamera das aufbereitete Bild der vorausliegenden Straße in das Kombi-Instrument hinter dem Lenkrad eingeblendet oder über ein Display in das Blickfeld des Fahrers projiziert. Zusätzlich wird der Fahrer optisch und akustisch auf Gefahrensituationen frühzeitig hingewiesen. Ein Nachrüsten von herkömmlichen Fahrzeugen ist jedoch leider aufwendig und teuer oder oft nicht möglich. Ott-Stopar empfiehlt daher etwas, das kostenlos und von jedem umsetzbar ist: „Fahren Sie vorsichtig!“ sp/gt

© Gmünder Anzeiger 15.10.2019 15:31
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